
Landrat Meinolf Haase Bild:©Maik Müller
Die Landratswahl hat am 14.9., die Stichwahl am 28.9.2025 stattgefunden. Meinolf Haase erzielte bereits im ersten Durchgang gute Werte (39,81%) und lag deutlich vor seinen VerfolgerInnen. Auch bei der Stichwahl konnte er sich mit mehr als zehn Prozent absetzen. Im Amt ist unser neuer Landrat noch nicht ganz 100 Tage – unsere Redaktion wollte sich dennoch einen Überblick über u.a. seine ersten Eindrücke verschaffen.
Herr Haase, zunächst ein kleiner Rückblick auf Ihre Gemütslage nach der Wahl?
Das Ergebnis des ersten Wahlgangs am 14. September hat mich ehrlich gesagt wenig überrascht: Bei sechs Kandidaten war eine Stichwahl zu erwarten. Dass ich mit rund 39 Prozent vorne lag, hat mich natürlich gefreut – wohl wissend, dass dieses Ergebnis vorerst noch nicht viel zu sagen hat. Aber es hat zumindest die Tendenz der Lipperinnen und Lipper gezeigt und mich dann doch darin bestärkt, dass ich am Ende mit meinen Zielen und Plänen, die ich öffentlich positioniert habe, nicht ganz falsch liegen kann. Als das Ergebnis dann zwei Wochen später feststand, habe ich mich natürlich sehr gefreut. Eine gewisse Nervosität an dem Tag kann ich nicht abstreiten, der Sonntag war für mich aufregend, zwischen Bangen und Hoffen. Aber die ganze Anspannung ist dann mit einem Schlag von mir abgefallen und ich habe mich einfach nur noch gefreut. Der Kreistagssitzungssaal war gut gefüllt an dem Abend, daher haben mir neben meiner Frau, meiner Familie und meinen Parteifreunden auch viele Kolleginnen und Kollegen aus der Kreisverwaltung gratuliert, die ich schon lange kenne und die mich durch den Abend begleitet haben. Zusammengefasst: Es war sehr überwältigend.
Welche drei Prioritäten setzten Sie für Ihre ersten 100 Tage und können Sie schon einige realisieren?
Ganz oben auf der Agenda steht die Neustrukturierung der Gesundheitsversorgung mit dem Rettungswesen –mit dem Schwerpunkt an allen drei Klinikstandorten Lemgo, Bad Salzuflen und Detmold – und gemeinsam mit dem Ärztenetzwerk Lippe. Die Neuaufstellung unserer Berufskollegs – auch mit Blick auf das gesamte Bildungswesen in Lippe – gehört ebenfalls zu den wichtigen Aufgaben, die jetzt anstehen. In diesem Zusammenhang: Wenn wir Standorte verändern, müssen wir für gute Mobilität sorgen, wie z.B. durch Schnellbuslinien oder Zubringerdienste für alle kleineren Gemeinden in Lippe.
Wo sehen Sie aktuell die größten strukturellen Probleme im Kreis Lippe?
Wir alle, d.h. der Kreis und die Städte und Gemeinden, müssen wieder mehr zusammenrücken und Doppelarbeit vermeiden. So können wir viele Synergien schaffen und Geld einsparen. Es werden intensive Gespräche mit dem Land über den Landkreistag zu führen sein, in denen die Aufgaben des Landes und Bundes und die auskömmliche Finanzierung der Kommunen zu diskutieren sind. Das Führen dieser Gespräche wird auch meine Aufgabe sein, um die Notwendigkeit der dringend besseren Finanzsituation für Kreise, Städte und Gemeinden zu untermauern.
Skizzieren sie in Kurzform Maßnahmen zur Stabilisierung des Haushalts.
Alle Aufgaben des Kreises müssen auch weiterhin analysiert und auf ihre Notwendigkeit geprüft werden. Hier machen wir unsere Hausaufgaben. Allerdings sind unsere Möglichkeiten dahingehend schon sehr ausgeschöpft. Bund und Land sind (schon lange) am Zug, der strukturellen Unterfinanzierung der Kommunen endlich entgegenzuwirken. Ich bin aber froh, dass wir trotzdem mit unseren 16 lippischen Städten und Gemeinden einen Konsens zur Kreisumlage gefunden haben.
Lippe hat mit Fachkräftemangel zu kämpfen. Wie wollen Sie dem entgegenwirken?
Gerade in den kleinen und mittleren Betrieben aller Branchen werden wir uns mit allen Bildungseinrichtungen, wie den Berufskollegs oder den Hochschulen, sowie den Handwerksorganisationen zukunftsgerecht aufstellen müssen, um jungen Menschen zu zeigen, dass es viele Möglichkeiten der Berufswahl vor Ort gibt. Aber auch dafür bedarf es eines gut ausgebauten ÖPNV-Netzes.
Wie beurteilen Sie den Zustand der kreiseigenen Infrastruktur, insbesondere Schulen und Straßen?
Die Kliniken und deren Investitionen sind ein laufender Prozess. Bei unseren Berufskollegs sind wir dabei, einen Fünf-Jahresplan hin zu einer neuen Infrastruktur auf den Weg zu bringen. Unsere Kreisstraßen sind in einem guten Zustand und ich freue mich, dass der Straßenerhaltungsvertrag noch bis 2033 läuft und auch weiterhin gute Straßen gewährleistet. Auf den oftmals mangelhaften Zustand von Landes- und Bundesstraßen können wir nur immer wieder an den entsprechenden Stellen hinweisen.
Welche konkreten Schritte planen Sie, um den ÖPNV im Kreis attraktiver zu machen?
Einen flächendeckenden ÖPNV im ländlichen Raum anzubieten, ist eine Herausforderung. Hier sind vor allem finanzielle und personelle Aspekte zu berücksichtigen. In Lippe leben aber nun einmal viele Menschen gerade in kleineren Städten oder in dörflichen Strukturen, die – zu Recht – eine gute ÖPNV-Anbindung fordern. Darum müssen wir es mit einem bedarfsgerechten On-Demand-Verkehr, wie der LIMO, schaffen, dass jeder, der beispielsweise Früh- oder Spätschicht hat, oder auch mal Freizeit an anderen Orten verbringen möchte, seine Ziele sicher erreicht.
Wie wollen Sie die Digitalisierung der Verwaltung beschleunigen und wie stehen Sie persönlich dazu?
Mein wichtigstes Anliegen ist, dass jede Bürgerin und jeder Bürger, der mit uns Kontakt aufnimmt, eine schnelle Antwort bekommt. Dafür möchte ich unseren Bürgerservice wieder ausbauen, um die ersten Fragen direkt – auch online – zu beantworten. Für manche wiederkehrenden Fragen würden dadurch auch die Abläufe innerhalb der Verwaltung und der Abteilungen deutlich vereinfacht werden. Digitalisierung ist ein bedeutender Bestandteil einer modernen und bürgernahen Verwaltung, angefangen bei der digitalen Bauakte bis zur Online-Terminbuchung. Hier arbeiten wir – neben bestehenden Strukturen – intensiv an neuen Möglichkeiten, die den Bürgerinnen und Bürgern zu Gute kommen. An vielen Stellen macht aus meiner Sicht auch der Einsatz von KI Sinn – z.B., um die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu entlasten und Prozesse zu beschleunigen.
Welche Rolle soll der Klimaschutz im Kreis in den nächsten Jahren spielen – und welche Projekte sind dafür vorgesehen?
Für mich sind Klimaschutz, aber auch Klimafolgeanpassungen wichtige Themen, bei denen ich verschiedenste Akteure mitnehmen und in Entscheidungen einbinden möchte. Hierzu gehören Vertreter der Landwirtschaft, die Umweltverbände oder auch andere Institutionen und Unternehmen. Ebenso werde ich engeren Kontakt mit dem Landesverband als größten öffentlichen Waldbesitzer in Lippe suchen. Beim Klimaschutz will die Verwaltung auch selbst Vorbild sein und handeln. So werde ich mich für einen weiteren Ausbau von PV-Anlagen auf Kreisliegenschaften einsetzen. Zudem machen wir die Außenanlagen rund um das Kreishaus klimafit und passen sie an die Klimafolgen an.
Der ländliche Raum verliert Einwohner. Wie wollen Sie gegensteuern? Ich glaube, dass der Trend schon wieder gestoppt ist, denn die Menschen suchen Lebensqualität und gute Arbeit. Und beides bekommen sie sicher auch auf dem Land. Natürlich müssen wir weiterhin dafür sorgen, dass diese Grundlagen auch erhalten bleiben, z.B. indem wir die Kommunikation mit den lippischen Betrieben wieder intensivieren. Ich denke, hier ist viel Potential, um Lippe zukunftsfest zu machen.
Was tun Sie, um die medizinische Versorgung im Kreis zu sichern und Hausarztpraxen zu halten?
Wie bekannt ist, haben die Akuthäuser für mich sehr hohe Priorität, auch, um den Standort Lemgo zu stabilisieren. Natürlich werden wir mit allen Verantwortlichen die medizinische Gesamtversorgung unseres Kreises intensiv diskutieren, auch in Bezug auf die Standorte der Hausärzte und somit der direkten Versorgung vor Ort. Denn für mich ist eine gute medizinische Versorgung die Grundlage für Lebens- und Wirtschaftsqualität.
Wie möchten Sie Transparenz und Bürgernähe im Landratsamt verbessern?
Wir sind ein gutes Team in der gesamten Verwaltung und meine Tür steht jedem offen. Auch für die Bürgerinnen und Bürger möchte ich ein offenes Haus schaffen, indem – wie oben beschrieben – durch strukturelle Anpassungen jeder zeitnah Hilfe zu seinem Anliegen bekommt.
Welche Erwartungen haben Sie an die Zusammenarbeit mit den 16 lippischen Kommunen?
Die Stärke Lippes, die schon mit dem alten Land Lippe begann, symbolisiert die Rose im Landeswappen. Jede einzelne Stadt oder Gemeinde wird viele Aufgaben alleine erfüllen müssen, ebenfalls wir als Kreis. Aber vieles können wir auch gemeinsam besser leisten. Und dafür werde ich mich einsetzen.
Wo sehen Sie aktuell unnötige Bürokratie im Kreis – und wie wollen Sie sie abbauen?
Schnellere Zulassungswege, Baugenehmigungen und einheitliche Sicherheitsvorkehrungen bei Großveranstaltungen können zur Entbürokratisierung beitragen. Dies ist ein Prozess, der mich als Landrat immer begleiten und nie wirklich abgeschlossen sein wird.
Wie planen Sie, die lokale Wirtschaft und mittelständische Unternehmen gezielt zu stärken?
Durch Entbürokratisierung an allen Stellen, an denen der Kreis handeln kann, und das sind nicht wenige. Auch hier werden wir mit den Städten und Gemeinden eng zusammenarbeiten. Unser Part der Unterstützung beginnt mit einer guten Aus- und Weiterbildung, den wir in enger Zusammenarbeit mit den Hochschulen – auch mit der Fachhochschule des Mittelstands und dem Fraunhofer Institut – leisten werden. Das Wichtigste aber für mich ist, dass ich mein Ohr immer an den Betrieben habe, um ihre Sorgen und Nöte frühzeitig zu erkennen und, um sie innerhalb meiner Verwaltung zu diskutieren.
Welche Rolle sollen erneuerbare Energien in Lippe künftig spielen – und wie wollen Sie Akzeptanz sichern?
Mit den neuen gesetzlichen Regelungen und dem Regionalplan wurden weitgehend Vorgaben geschaffen, die den Ausbau von Windkraft gezielter steuern. Die Ziele zum Windkraftausbau sind zudem auf Bundes- und Landesebene fest definiert. Die Werte werden wir für Lippe mittelfristig erreichen. Beim Thema PV gibt es sicherlich noch Spielräume, die besser ausgenutzt werden können. Hierfür hat der Kreis auch einen Leitfaden für die Kommunen erstellt. Ein guter Schritt für mehr Akzeptanz, besonders bei Windkraft, ist das Bürgerenergiegesetz. Weiterhin wäre es wünschenswert, wenn Antragssteller aktiver und frühzeitiger mit betroffenen Bürgern kommunizieren würden.
Wie stehen Sie zur Diskussion um Flächenversiegelung und neuen Baugebieten?
Sicherlich hat das Thema Flächenversieglung im ländlichen Raum eine andere Bedeutung als in Großstädten. Wir müssen dennoch Konzepte finden, die eine gute Balance zwischen Flächenbedarfen und Klimaanpassungen zulassen, um z.B. Hochwasserereignisse zu vermindern. Bei neuen Gewerbegebieten bzw. Baugebieten hat der neue Regionalplan bereits den Rahmen gesetzt, was geht und was nicht. Ich bin überzeugt, dass die lippischen Städte und Gemeinden genau wissen, wo es Bedarfe gibt und wo achtsam mit Flächen umgegangen werden muss. Im Zweifel steht auch immer unsere Kreisentwicklung beratend zur Seite.
Welche Schritte planen Sie im Bereich Jugend und soziale Teilhabe?
Ich möchte unser viel gelebtes Vereinswesen und das Ehrenamt weiter fördern, weil dies für mich eine Grundlage der Teilhabe darstellt, unabhängig vom Alter. Unterstützung bekommen sie durch unser Ehrenamtsbüro. Dass wir in den Dörfern sowohl für unsere Jugendlichen, aber eigentlich für alle Altersschichten Treffpunkte brauchen, ist für mich eine Selbstverständlichkeit, und in Abstimmung mit den Städten und Gemeinden würde ich das gerne unterstützen. Hierdurch soll auch der Einsamkeit, vor allem älterer Menschen, entgegen gewirkt werden.
Wie wollen Sie den Kultur- und Tourismusstandort Lippe weiterentwickeln?
Durch unser früheres „Land Lippe“ und das Engagement unserer vielen Heimatvereine haben wir dankenswerterweise sehr viel Kulturgut, das Einheimische und Touristen gleichermaßen zu Gute kommt. Das zu bewahren, ist unser aller Aufgabe. Und ich danke an dieser Stelle allen Akteuren, die sich dafür einbringen, diesen Schatz für unsere Region langfristig zu sichern. Unsere Lippe Tourismus und Marketing GmbH war aus meiner Sicht ein Glücksfall für die touristische Arbeit. Dies beweisen die vielen vergangenen Veranstaltungen wie beispielsweise die Lippertage, aber auch die vielen Strukturen, die wir mit den Touristikern ins ganz OWL erarbeitet haben. Gerade in dieser Zeit ist es wichtig, Tourismus auf breitere Füße zu stellen, z.B. mit Blick auf Digitalisierung und Zukunftstrends. Die Zahlen der vergangenen Jahre zeigen, dass wir hier auf dem richtigen Weg sind.
Was ist Ihr langfristiges Zielbild für den Kreis Lippe im Jahr 2035?
Wieder Leuchtturm in OWL zu werden – und das durch gute Strukturen in Lippe und mit seinen knapp 350.000 Einwohnerinnen und Einwohnern, mit denen man Vieles neu denken und bewegen kann. So können wir wieder eine Region mit besonderer Stahlkraft werden.
Wo rechnen Sie mit Widerstand – und wie gehen Sie damit um?
Grundsätzlich wird es immer wieder unterschiedliche Meinungen zu einzelnen Themen geben. Daher möchte ich insgesamt viel und offen kommunizieren, um am Ende möglichst auf Verständnis und/oder Zustimmung zu stoßen.
Was wollen Sie persönlich an Führungsstil und Verwaltungsarbeit verändern?
An vielen meiner vorherigen Statements sehen Sie, dass ich großen Wert auf Transparenz und Kommunikation lege. Herausforderungen oder gar Probleme sind dazu da, um sie anzugehen. Viel Unmut und Missstimmung entstehen doch daraus, dass wir zu wenig miteinander sprechen, und das möchte ich auf jeden Fall ändern – intern sowie extern. Wer gerne seiner Arbeit nachgeht, wird auch erfolgreich in seinem Tun sein. Und das sehe ich als Grundvoraussetzung für einen guten Führungsstil. Meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sollen in erster Linie Freude an ihrem Beruf haben. Und was ich als Landrat bzw. als Führungskraft dazu beitragen kann, werde ich in jedem Fall tun.















