
Oberst Peter Begemann drückte auf der Bühne seine Dankbarkeit stellvertretend für den Rottvorstand aus. Vielen Dank, es war mir Vergnügen und Ehre zugleich.
In den vergangenen Tagen sind viele Reden gehalten worden. Zum 450-jährigen Bestehen des Alten Blomberger Schützenbataillons. Zum Westfälischen Schützentag. Zu einem Wochenende, das Blomberg und Gäste so schnell wohl nicht vergessen werden. Ich habe diesen Reden sehr aufmerksam zugehört. Vielleicht aufmerksamer als sonst.
Denn ich hatte die große Ehre, die Chronik zum 450-jährigen Bestehen des ABS gestalten zu dürfen. Und wer sich über Wochen mit 450 Jahren Geschichte beschäftigt, der gestaltet irgendwann nicht mehr nur Seiten. Man liest Namen. Man sieht Gesichter. Man begegnet Menschen, die längst nicht mehr unter uns sind. Man entdeckt Geschichten hinter den Geschichten.
Und irgendwann versteht man:
450 Jahre sind keine Zahl.
450 Jahre – das sind Menschen.
In den Reden dieser Tage war viel von Tradition die Rede. Von Gemeinschaft. Von Ehrenamt. Von Verantwortung. Und immer wieder von dem wichtigen Gedanken, dass Tradition nicht einfach bewahrt, sondern mit Leben gefüllt werden muss.
Ich habe diesen Satz mehrfach gehört.
Und jedes Mal habe ich gedacht:
Ja.
Aber wie sieht dieses Leben eigentlich aus, mit dem wir Tradition füllen?
Mir haben in diesen Reden ein paar Dinge gefehlt.
Das sage ich ausdrücklich nicht als Kritik. Ganz im Gegenteil.
Ich schreibe diese Zeilen aus großer Wertschätzung für das ABS und für seine Rötter. Vielleicht auch, weil ich durch die Arbeit an der Chronik genauer hingeschaut habe. Und weil ich glaube, dass gerade die Dinge, die nicht auf einer großen Bühne stattfinden, viel darüber erzählen, was dieses Bataillon ausmacht.
Manchmal braucht es dafür keine 450 Jahre Geschichte.
Manchmal genügt ein Stuhl.
Ein leerer Stuhl vor dem ein halb gefülltes Glas Bier steht.
Wenn ein Kamerad verstorben ist und sein Platz bei der nächsten Versammlung freigehalten wird, ist das nur eine kleine Geste.
Kein großer Festakt.
Keine Urkunde.
Keine Rede.
Da steht einfach ein Stuhl, auf dem niemand sitzt.
Und doch sagt dieser Stuhl mehr über Kameradschaft aus als manches große Wort.
Er sagt:
Hier fehlt einer.
Hier hat jemand gesessen, der mit uns gelacht hat. Der mit uns gefeiert hat. Der gearbeitet und geholfen hat. Vielleicht hat er mit uns diskutiert. Vielleicht haben wir uns über ihn geärgert und er sich über uns.
Aber er war einer von uns.
Und deshalb tun wir nicht einfach so, als wäre sein Platz schon wieder frei.
Wir lassen ihn leer.
Für einen Moment.
Aus Respekt.
Aus Erinnerung.
Aus Kameradschaft.
Und diese Kameradschaft endet nicht am Grab.
Auch diejenigen, die zurückbleiben, gehören weiter dazu. Witwen verstorbener Kameraden werden nicht einfach vergessen, weil der Mensch, über den einst die Verbindung zum Rott bestand, nicht mehr da ist.
Man kümmert sich.
Man lädt ein.
Man hält Kontakt.
Man sagt auf diese Weise etwas sehr Einfaches:
Du gehörst weiterhin zu uns.
Ich finde, das ist eine bemerkenswerte Form von Tradition.
Und sie beginnt lange vorher.
Sie zeigt sich, wenn ein Kamerad krank wird.
Wenn das Marschieren plötzlich nicht mehr geht.
Wenn langes Stehen schwierig wird.
Wenn jemand nicht mehr überall mitkommen kann.
Und irgendwann vielleicht gar nicht mehr.
Gerade dann entscheidet sich, was ein Wort wie Gemeinschaft tatsächlich wert ist.
Denn Kameradschaft ist einfach, wenn alle gesund sind, gemeinsam feiern und zusammen am Tisch sitzen.
Ihr wirklicher Wert zeigt sich dort, wo einer nicht mehr mithalten kann.
Beim ABS und in seinen Röttern lautet die Frage dann nicht:
Was kannst du eigentlich noch?
Sondern:
Wie bekommen wir es hin, dass du trotzdem dabei sein kannst?
Und wenn es irgendwann gar nicht mehr geht, verliert ein Mensch deshalb nicht seinen Platz in dieser Gemeinschaft.
Das berührt mich.
Denn wir leben in einer Welt, in der Menschen sehr häufig danach beurteilt werden, was sie leisten. Wie verfügbar sie sind. Was sie beitragen können.
Hier gilt etwas anderes.
Du gehörst dazu, weil du zu uns gehörst.
Nicht weil du noch marschieren kannst.
Nicht weil du jede Versammlung besuchst.
Nicht weil du jedes Wochenende zur Verfügung stehst.
Und auch nicht, weil du irgendeine Funktion erfüllst.
Das gilt übrigens nicht nur für Krankheit und Alter.
Unser Leben hat sich verändert.
Beruf. Familie. Kinder. Pflege. Schichtdienst. Termine. Verpflichtungen.
Nicht jeder kann heute so am Vereinsleben teilnehmen, wie er vielleicht gerne möchte.
Auch das gehört zur Wahrheit des Ehrenamtes im Jahr 2026.
Und deshalb gefällt mir eine Haltung, die nicht zuerst fragt:
Wo warst du eigentlich die ganze Zeit?
Sondern sagt:
Mensch, schön, dass du da bist.
Die Tür steht offen.
Komm rein.
Mach mit, soweit du kannst.
Vielleicht sind es genau diese Dinge, über die wir sprechen sollten, wenn wir sagen, Tradition müsse mit Leben gefüllt werden.
Denn Tradition besteht nicht nur aus Uniformen und Fahnen.
Nicht nur aus Schützenfest, Königsschießen, Kommers und Umzug.
Nicht nur aus dem, was man fotografieren kann.
Tradition ist auch das, was geschieht, wenn keine Kamera dabei ist.
Wie wir miteinander umgehen.
Wie wir mit den Alten umgehen.
Mit den Kranken.
Mit denen, die wenig Zeit haben.
Mit denen, die gerade nicht mithalten können.
Mit denen, die neu dazukommen.
Und mit denen, die nicht mehr da sind.
Vielleicht liegt genau dort der Kern einer Gemeinschaft.
Aber zu einer 450-jährigen Geschichte gehört noch eine zweite Wahrheit:
Tradition darf sich verändern.
Mehr noch:
Manchmal muss sie sich verändern.
Das ABS des Jahres 2026 ist nicht das ABS von 1576. Es ist nicht das Bataillon von 1876. Und auch nicht mehr das von 1976.
Zum Glück.
Jede Generation hat etwas bewahrt.
Und jede Generation hat etwas verändert.
Manches freiwillig.
Manches nach langen Diskussionen.
Manches vielleicht später, als es hätte geschehen können.
Dass Frauen heute ihren selbstverständlichen Platz im ABS haben, ist dafür ein sichtbares Beispiel. Das Tulpenrott zeigt: Veränderung zerstört Tradition nicht zwangsläufig.
Sie kann Tradition lebendiger machen.
Und die nächsten Veränderungen werden kommen.
Sie müssen kommen.
Denn ein 450 Jahre alter Verein kann von jungen Menschen nicht verlangen, dass sie genauso leben, denken und ihre Freizeit verbringen wie Generationen vor ihnen.
Er muss ihnen Raum geben.
Nicht nur Aufgaben.
Raum.
Raum, um eigene Ideen zu entwickeln.
Raum, um Dinge anders zu machen.
Vielleicht sogar Raum, um uns Älteren gelegentlich zu sagen:
Das funktioniert für uns nicht mehr.
Auch das müssen wir aushalten können.
Ein Verein, der 450 Jahre Veränderung überstanden hat, sollte vor der nächsten Veränderung keine Angst haben.
Er muss offen sein für Menschen, deren Vater kein Schütze war.
Und deren Großvater auch nicht.
Für Menschen, die neu nach Blomberg kommen.
Für Menschen, die vielleicht anders aussehen, anders leben oder andere Geschichten mitbringen als diejenigen, die seit Generationen hier verwurzelt sind.
Denn Heimat ist nicht nur der Ort, aus dem man kommt.
Heimat kann auch der Ort sein, an dem jemand sagt: Schön, dass du da bist.
Deshalb sollten wir Traditionen durchaus hinterfragen.
Welche bewahren wir nur, weil wir sie schon immer gepflegt haben?
Welche passen nicht mehr zu unserer Zeit?
Welche müssen wir verändern, damit eine neue Generation sie zu ihren eigenen machen kann?
Aber es gibt eben auch Traditionen, bei denen mir die Antwort leichtfällt.
Dass wir einen Menschen nicht vergessen, weil er krank geworden ist.
Dass jemand dazugehören darf, auch wenn er nicht mehr aktiv teilnehmen kann.
Dass einer willkommen ist, obwohl Beruf oder Familie ihm nur selten erlauben, dabei zu sein.
Dass wir uns um diejenigen kümmern, die nach dem Tod eines Kameraden zurückbleiben.
Und dass manchmal ein Stuhl leer bleibt.
Diese Traditionen müssen wir nicht modernisieren.
Wir müssen nur aufpassen, dass wir sie niemals verlieren.
Vielleicht hat mir die Arbeit an der Chronik deshalb so viel bedeutet.
Ich durfte sie gestalten.
Aber während dieser Arbeit ist mir immer deutlicher geworden, dass man 450 Jahre Vereinsgeschichte eigentlich gar nicht gestalten kann.
Man kann sie nur sichtbar machen.
Denn geschrieben haben diese Geschichte andere.
Tausende Menschen vor uns.
Menschen, deren Namen heute noch viele im ABS kennen.
Und Menschen, deren Namen längst vergessen sind.
Menschen, die Verantwortung übernommen haben.
Die gearbeitet haben.
Die gefeiert haben.
Die gestritten haben.
Die sich wieder zusammengerauft haben.
Die geholfen haben.
Die irgendwann alt geworden sind.
Und die irgendwann ein Rott gewechselt oder ganz gegangen sind.
Keiner von ihnen hat 450 Jahre ABS geschaffen.
Jeder hatte nur seine Zeit.
Und genau das gilt auch für uns.
Wir haben unsere Zeit.
Mehr nicht.
Wir müssen das ABS nicht für die nächsten 450 Jahre bewahren.
Wir müssen dafür sorgen, dass die nächste Generation etwas von uns übernimmt, das es wert ist, weitergeführt zu werden.
Sie wird daraus ihr eigenes ABS machen.
Sie wird Dinge verändern, bei denen wir vielleicht die Stirn runzeln.
Und wahrscheinlich ist das gut so.
Aber ich wünsche mir, dass eines bleibt.
Dass ein junger Mensch auch im Jahr 2076 erleben kann, was Menschen hier seit Generationen erleben:
Du musst nicht immer da sein, um dazuzugehören.
Du musst nicht alles können, um wertvoll für diese Gemeinschaft zu sein.
Wenn du Hilfe brauchst, bist du nicht plötzlich allein.
Wenn das Leben dir keine Zeit lässt, bleibt die Tür trotzdem offen.
Wenn du irgendwann nicht mehr kannst, vergessen wir dich nicht.
Und wenn dein Stuhl eines Tages leer bleibt,
dann wissen die anderen noch, wer dort gesessen hat.
Vielleicht ist das am Ende die Tradition, über die wir viel öfter sprechen sollten.
Nicht die Tradition, die wir vorzeigen.
Sondern die, die wir leben.
Wenn wir diese Tradition mit Leben füllen und gleichzeitig den Mut haben, alles andere immer wieder neu zu denken, dann mache ich mir um die nächsten 50 Jahre des Alten Blomberger Schützenbataillons keine Sorgen.
Und vielleicht sitzt dann im Jahr 2076 jemand bei der Feier zum 500-jährigen Bestehen und erzählt von uns.
Nicht weil wir alles so gelassen haben, wie es war.
Sondern weil wir wussten, was sich verändern durfte – und was niemals verloren gehen sollte.
In diesem Sinne bedanke ich mich einmal mehr für das vermittelte Gefühl auch als „Externer“ dazugehören zu dürfen. Es mag den ein oder anderen geben, der nach diesen Zeilen denkt: „Das Recht eine solche Rede zu verfassen steht Markus nicht zu.“ Dann finde ich das schade – doch entschuldigen würde ich mich dafür nicht. Seit vielen Jahren nehmen mich Vorstand und Rötter mindestens alle zwei Jahre mit auf eine Reise.
Auf eine spannende Reise.
Auf eine inhaltsstarke Reise.
Auf eine Reise, die ich in meinem Leben als wertvoll betrachte.
Eine Reise, die auch mein Leben und meine Sichtweisen beeinflusst.
Eine Reise, die mir das Gefühl von Zugehörigkeit vermittelt.
Und genau aus diesem Zugehörigkeitsgefühl heraus nutze ich meine eigene Bühne für eben diese wertschätzende Rede, die sich keinesfalls lediglich an Vorstand und Rötter richtet. Vielmehr soll sie auch Externen aufzeigen, welch besonderer Verein das Alte Blomberger Schützenbataillon ist.
Ich hätte noch viele weitere Beispiele für das Gemeinwesen innerhalb des Vereins aufzählen können. Allein die Hingabe und das Engagement der Rottfrauen ist beeindruckend. Aber diese „Rede“ in Schriftform ist auch so schon recht lang – und wer weiß wie viele diese von einem „Externen“ verfassten Zeilen überhaupt bis zum Ende lesen werden.
Eventuell sind meine Zeilen als Rede auch weniger geeignet, weil sie sich in Teilen mit dem Tod beschäftigen und doch eigentlich gefeiert werden soll. Aufgrund meiner Kenntnisse über das ABS glaube ich das jedoch nicht, sagt man doch immer der Tod gehöre zum Leben dazu.
In Ergänzung zu meinen Zeilen habe ich die Inhalte auch in einem kleinen Lied verarbeitet. Nun bin ich Schreiberling, nicht Musiker, nicht Sänger. Doch Dank moderner Technik konnte ich meine Gedanken auch in musikalischer Form verarbeiten, welches HIER heruntergeladen werden kann – eventuell gefällt es dem ein oder anderen Menschen.
Nochmals herzlichen Dank an Vorstand und Rötter.
Euer, Ihr
Markus Bültmann
PS: Ja, die vergangenen Tage waren nicht unser Schützenfest! Schön waren sie dennoch und ABS, Rötter und Bevölkerung waren hervorragende Gastgeber. Freuen wir alle uns nun schon auf das Blomberger Schützenfest im Jahr 2027.














