Am 8. November 2024 kamen die Mitglieder des Alten Blomberger Schützenbataillons zu einer außerordentlichen Mitgliederversammlung in der Schießhalle zusammen. Als „außerordentlich“ darf man wohl auch die Tragweite für den Anlass bezeichnen – inhaltlich sollte es um die Möglichkeit zur Aufnahme von Frauen in den Traditionsverein gehen. Die Mitgliedschaft ist, bis auf in der Abteilung der Sportschützen, bislang nur Männern vorbehalten gewesen und die Entscheidung zur Aufnahme von Frauen bedingt eine Änderung der Vereinssitzung. Das Interesse war groß und Oberst Peter Begemann freute sich die Tagesordnung vor 241 Mitgliedern wie folgt verlesen zu können:
1. Abstimmung „Aufnahme von Frauen in Frauenrötter“ oder „Aufnahme von Frauen in die bestehenden Strukturen“
2. Beschlussfassung Satzungsänderungen auf Basis der Abstimmung von TOP 1 (siehe Synapse)
3. Verschiedenes
Im Anschluss begrüßte Begemann die Ehrengäste, darunter auch Rechtsanwalt Dr. Stephan Breuning, der in der Vorbereitung zu diesem Thema juristisch unterstützt hatte. Die Wichtigkeit der Veranstaltung wurde schnell deutlich, nicht nur durch den juristischen Beistand sondern auch durch die Ernsthaftigkeit. Mit der Begemann fortfolgend durch die Veranstaltung führen sollte – und auf den Tischen suchten man den Saft, welcher auf den Schützenfesten literweise fließt, ebenfalls vergebens. Auch die einleitenden Worte von Oberst Begemann legten ein entsprechendes Zeugnis ab: „Seit 1576 – also seit 448 Jahren – besteht das Alte Blomberger Schützenbataillon. In unserer heutigen Zeit sind Heimatliebe und die Pflege des Brauchtums wichtiger denn je und kaum eine Gruppe ist mit diesem Begriff so eng verbunden, wie wir Schützen. Das ABS ist mit seinen fast 900 Mitgliedern einer der größten Schützenvereine in Lippe und Umgebung. Zusammen mit unseren Schützenschwestern, Kindern, Verwandten, Freunden und Bekannten zeigen somit grob geschätzt ein Viertel der Einwohner unserer Stadt dem ABS ihre Verbundenheit. Unser Verein sieht sich als Gemeinschaft, die Generationen verbindet, die dem Zeitgeist offen gegenüber steht, nach vorne schaut und trotzdem an der Tradition….an alten Werten festhält. Dies bedeutet natürlich auch, sich dem gesellschaftlichen Wandel zu stellen, sich anzupassen, denn Traditionsbewusstsein und Aufgeschlossenheit für gesellschaftliche Entwicklungen gehören zusammen.“
Der ABS-Vorstand mit Begemann an der Spitze war sich bewusst, dass dieses Thema einer gewissen Vorbereitung bedurfte. Seit April 2023 befasste sich der Vorstand bereits mit einem entsprechenden Antrag, welchen Schützenbruder Steven Burke eingereicht hatte. Ein erstes Gespräch mit den Rottführern gab es am 14.11.2023, ein zweites am 26.06.2024 und am 23.07.2024 wurde der Vorschlag des Vorstands, Aufnahme von Frauen in Frauenrötter, den Röttern mitgeteilt (einschl. Begründungen für eine Satzungsänderung mit Synapse, d.h. einer Gegenüberstellung der betroffenen, zu ändernden Paragraphen). Ein drittes Gespräch mit den Rottführern/Rottmeistern fand im August diesen Jahres statt. Von August bis Oktober haben sich dann die Rötter getroffen, fast immer dabei, Oberst Peter Begemann. „In meinen Vorträgen bin ich dann u.a. auf die wichtigsten Gründe eingegangen, die für die Aufnahme von Frauen sprechen: Gleichberechtigung, gesellschaftlicher Wandel, positive Außendarstellung auch gegenüber unseren Sponsoren, Gemeinnützigkeit (Steuervorteile, Spendenbescheinigungen), Mitgliederstrukturen und Stärkung des Vereins sowie eine zukunftsweisend Ausrichtung.“
Während all der Treffen wurde dem Vereinsoberhaupt der Eindruck vermittelt, dass die Mitglieder der Aufnahme von Frauen mit allen Rechten und Pflichten positiv gegenüber gestanden haben. Während die Aufnahme von Frauen in die bestehenden Rötter in der Offiziersversammlung kaum Zustimmung gefunden hatte (lediglich 2,5%), gab es die meisten Befürworter für den Vorschlag des Vorstands, dass Frauen fortan eigene Rötter werden gründen dürfen (81%). Aus den Vorgesprächen leitete der Vorstand des ABS dann eben auch die beiden Varianten ab, über die es im Rahmen der Versammlung abzustimmen galt, die „Aufnahme von Frauen in Frauenrötter“ oder die „Aufnahme von Frauen in die bestehenden Strukturen“. Letzterer Punkt würde bedeuten, dass Frauen sowohl Mitglied in einem bestehenden Rott werden können als auch eigene Rötter gründen können, in denen dann natürlich auch Männer Mitglied werden können.
Die Mitgliederversammlung sprach sich bei der Abstimmung mit 220 Stimmen sehr deutlich für die erste Variante aus, 21 Mitglieder hätten Variante zwei bevorzugt.
In einem zweiten Schritt wurde dann über die zuvor erläuterte Satzungsänderung abgestimmt, eine Zweidrittel-Mehrheit war erforderlich. Hier hatte der Vorstand den aktuellen Wortlaut und den jeweils neuen Wortlaut gegenüber gestellt, wodurch eine maximale Transparenz gewährleistet wurde. Da die Mitglieder sich gegen eine geheime Abstimmung ausgesprochen hatten, konnte auch hier offen votiert werden. Auch hier wieder ein sehr eindeutiges Ergebnis: 228 Mitglieder stimmten für die Aufnahme von Frauen in Frauenrötter und die Entscheidung war getroffen.
Es ist eine historische Entscheidung, welche unter der Führung von Oberst Peter Begemann getroffen wurde, eine die nicht nur in die Geschichtsbücher eingehen wird, sie wird auch das Schützenwesen verändern. In welcher Form das geschehen wird bleibt vorerst noch abzuwarten. Begemann wies jedoch darauf hin, dass die gleichen Bedingungen zur Gründung eines Frauenrotts gelten werden, wie dies auch bei den Männern der Fall sei. Auch werde der Vorstand die Anzugsordnung beachten und Oberst Begemann äußerte: „So wahr ich hier stehe werde ich dafür sorgen, dass es bei uns hineinpasst – das verspreche ich euch.“
Im kommenden Jahr ist wieder Schützenfest und in 2026 wird der Westfälische Schützentag in Blomberg ausgerichtet – ein Großereignis zu dem bis zu 3.000 SchützInnen erwartet werden. „An diesen beiden Tagen sollten wir mit so vielen Schützen präsent sein wie eben möglich“, motivierte Begemann schon jetzt und schloss die Versammlung mit: „Das Alte Blomberger Schützenbataillon ist ein gesunder, gut aufgestellter Verein mit hervorragenden Voraussetzungen. Unser Verein trägt mit dazu bei, eine alte Tradition zu sichern, die Menschen unabhängig von Geschlecht, Alter, beruflichem Stand, politischen Ansichten, Religion und Weltanschauungen sowie Hautfarbe in der Stadt Blomberg zu einer funktionierenden Gemeinschaft zusammen zu führen. Die Mitglieder, die heute mit „Nein“ gestimmt haben, möchte ich bitten, keine voreiligen Schlüsse zu ziehen, denn wir möchten auch weiterhin zusammen feiern und den Schützengeist leben. Für die rege Teilnahme an der heutigen a.o. Versammlung, für Euer Mitwirken und der Aufmerksamkeit möchte ich mich ganz herzlich bei Euch bedanken.“
Die gute Vorarbeit des ABS-Vorstand und letztlich aller Offiziere hat einen Beitrag dazu geleistet, dass die Versammlung nicht nur sehr diszipliniert abgehalten werden konnte, sondern auch 50 inhaltsstarke Minuten für eine Entscheidung ausgereicht haben.