
Von links: Geschäftsbereichsleiterin Juliane Gaßmann, Referentin Silke Müller und Abteilungsleiterin Sigrun Düe bei der Familienkonferenz. (Foto: Alte Hansestadt Lemgo)
Jugendamt holt Silke Müller nach Lemgo
Ins Schwarze getroffen: Das hatte das Lemgoer Jugendamt offensichtlich bei der Organisation der dritten Familienkonferenz. Der Vortragsabend mit Schulleiterin, Autorin und Digitalexpertin Silke Müller im InnovationSPIN war innerhalb weniger Tage ausgebucht. Den 150 Gästen machte Silke Müller dann sehr eindrücklich klar, dass Kinder und Jugendliche im Internet nicht alleine sicher sein können und dass die Erziehungsberechtigten Vorbild sein und Zeit investieren müssen, um ihren Nachwuchs zu schützen. Dazu gab sie Empfehlungen und Tipps an die Hand.
Kein Smartphone auf dem Schulgelände, aber das Tablet im Unterricht – für Silke Müller kein Widerspruch. Die Leiterin einer Schule in Niedersachsen verteufelt in ihrem Vortrag nicht die Möglichkeiten der digitalen Welt. Diese werden nie wieder weggehen, sagte sie, aber sie zeigte auch das, was an vielen Erwachsenen vorbeigeht, aber auf Schulhöfen und auch nach Unterrichtsende Thema ist. Challenges, die tödlich enden, Anleitungen für selbstverletzendes Verhalten, Live-Streams aus Kriegsgebieten und Videos von echten Enthauptungen sind nur ein Teil von dem, was auf junge Menschen jederzeit einprasseln kann.
Mobbing wird durch künstliche Intelligenz (KI) revolutioniert, so Müller. So können schon Kinder dem unbeliebten Klassenkameraden mittels KI Worte in den Mund legen, die dieser nie gesagt hat. Und auf der anderen Seite gibt es beliebte Online-Plattformen von TikTok bis Roblox, wo sich stellenweise Erwachsene auf perfide Art an junge Menschen anbiedern oder Gewalt, Rassismus und Menschenverachtung verbreitet werden. Die auch unter jungen Menschen größer werdende Einsamkeit befeuere diese Plattformen.
Eltern und Erziehungsberechtigte dürfen Kinder und Jugendliche nicht allein lassen, appelliert Silke Müller. Das setzt voraus, dass die Erwachsenen sich mit dem beschäftigen, was die Minderjährigen tun oder tun wollen. Spiele, die die Kinder spielen wollen, selbst zu spielen, Apps, die die Kinder haben wollen, selbst zu nutzen. Die Verantwortung, sicher zu bleiben und nicht ausgenutzt zu werden, können Kinder noch nicht übernehmen, so Müller. Eine Regel dazu: Was ich in der analogen Welt nicht möchte, kann ich auch nicht digital geschehen lassen. Ein Veto gegen die Klassen-Whatsapp-Gruppe, in der 25 Kinder stundenlang unbeaufsichtigt alleine kommunizieren können.
Silke Müller forderte bei allen Gefahren, die im Internet lauern, auch Realismus: Digitale Möglichkeiten, Freundschaftspflege über soziale Netzwerke und ein Alltag mit künstlicher Intelligenz zwischen Avatar und Algorithmus werden unser Leben nicht mehr verlassen. Zu versuchen, Kinder von all dem abzuschirmen, sei keine Option. Stattdessen müssen Erziehungsberechtigte das Digitale entmystifizieren, ins Gespräch kommen und den Kindern Kompetenzen an die Hand geben, um die Möglichkeiten zu Chancen zu machen. „Sie müssen miteinander sprechen können“, formuliert Silke Müller die Aufgabe. Die Heranwachsenden bräuchten einen sicheren Hafen, in dem sie Halt und Hilfe erfahren, wenn doch etwas schiefgegangen ist.
Silke Müller erinnerte auch daran, dass das Internet nichts vergisst und dass auch die Erwachsenen aufpassen müssen, was sie online tun. „Wenn Sie eines von diesem Abend mitnehmen, dann bitte das: Dass Sie nie wieder ein Foto Ihres Kindes ins Internet stellen, egal ob auf Instagram, auf eine Homepage oder in den Whatsapp-Status“, betonte Silke Müller. Denn heutzutage reiche ein einziges Foto aus, um das abgebildete Kind mittels künstlicher Intelligenz in pornographisches Material einzufügen und das sogar als Video. Der digitale Fußabdruck begleite die Kinder den Rest ihres Lebens. Von der eigenen Schul-Homepage hat die Schulleiterin deswegen konsequent alle echten Kinderfotos verbannt und durch künstliche Kinderfotos ersetzt.
Um den Schutz von Kindern und Jugendlichen zu verbessern, hat die Schulleiterin, Autorin und Digitalexpertin auch schon vor dem EU-Parlament gesprochen. Sie setzt sich ein für gesetzliche Regeln und komplette Smartphone-Verbote an Schulen, wie es sie in Skandinavien und Österreich gibt. Sie empfiehlt Smartphone-Auszeiten für die ganze Familie und legt Eltern nahe, einen Mediennutzungsvertrag mit ihren Kindern abzuschließen, damit für alle Seiten die Grenzen klar sind. Zum Abschluss ihres Vortrags erinnerte Silke Müller an den Pädagogen Friedrich Fröbel, der sagte, Erziehung sei Beispiel und Liebe. „Wir müssen Kompass sein“, brachte es Silke Müller auf den Punkt. „Nehmen Sie Ihre Kinder in den Arm und sagen Sie ihnen, dass sie genau richtig sind, wie sie sind.“
Pressemeldung: Alte Hansestadt Lemgo