
V. l.: Blicken auf die Konjunktur in der Region: IHK-Präsident Volker Steinbach (r.) zusammen mit IHK-Vizepräsidentin Annette Küstermann sowie IHK-Hauptgeschäftsführerin Svenja Jochens und IHK-Referent Timm Lönneker. Bildquelle: IHK Lippe
Wirtschaft widerstandsfähig, aber unter erheblichem Anpassungsdruck
Die lippische Wirtschaft befindet sich auch im Herbst 2026 in einer Phase geringer Wachstumsdynamik. Nach mehreren Jahren von Stagnation und nur schwacher Expansion zeigen erste Indikatoren zwar Stabilisierungstendenzen, von einem breit getragenen Aufschwung kann jedoch noch nicht die Rede sein. Die wirtschaftliche Entwicklung wird gleichermaßen von konjunkturellen Belastungen und tiefgreifenden strukturellen Herausforderungen geprägt.
So zeigt die Herbst-Umfrage der Industrie- und Handelskammer Lippe zu Detmold (IHK Lippe), dass sich das Geschäftsklima zwar aufhellt, weil die Unternehmen wieder positiver in die Zukunft blicken. Die Geschäftslage hingegen bleibt angespannt und die Wettbewerbsfähigkeit das zentrale wirtschaftspolitische Thema. An der Umfrage der IHK Lippe haben sich in der Zeit vom 31. August bis 13. September insgesamt 147 Betriebe aus den IHK-Ausschüssen und der Vollversammlung beteiligt.
„Für den Kreis Lippe als industriell geprägte Wirtschaftsregion mit einer starken mittelständischen Unternehmensstruktur ist diese konjunkturelle Aufhellung natürlich von besonderer Bedeutung, auch wenn sie zaghaft ist. Industrieunternehmen, regionale Handelsbetriebe, Dienstleister und das Gastgewerbe sehen sich zwar weiterhin mit einer Kombination aus schwacher Nachfrage, erhöhten Kostenbelastungen, regulatorischen Anforderungen und tiefgreifenden Transformationsprozessen konfrontiert. Doch der Export und immer stärker auch öffentliche Investitionen in Infrastruktur, Verteidigung, Digitalisierung und Energiewende unterstützen die wirtschaftliche Erholung“, kommentiert IHK-Präsident Volker Steinbach das Umfrageergebnis.
„Aus Sicht der IHK kommt es jetzt darauf an, die strukturellen Standortprobleme gemeinsam mit der Politik gezielt und entschlossen anzugehen. Werden Investitionen erleichtert, Fachkräfte gesichert und Innovationsprozesse beschleunigt, bestehen gute Voraussetzungen für eine nachhaltige wirtschaftliche Erholung und branchenübergreifendes Wachstum“, betont Svenja Jochens, Hauptgeschäftsführerin der IHK Lippe.
Doch die Herausforderungen sind immens und vielfältig: „Viele Betriebe stehen zusätzlich zum Tagesgeschäft vor der Aufgabe, Digitalisierung und Klimatransformation gleichzeitig zu bewältigen. Erhebliche geopolitische Spannungen beeinflussen die Wirtschaft dabei negativ. Die Kriege in der Ukraine und im Nahen Osten sowie die fortschreitende Fragmentierung der Weltwirtschaft erhöhen die Unsicherheit maßgeblich“, mahnt Timm Lönneker, Konjunktur-Referent der IHK Lippe. Insbesondere der Konflikt im Nahen Osten habe die Energie- und Rohstoffmärkte erneut unter Druck gesetzt. „Die Folgen der jüngsten Eskalationen bedeuten noch höhere Produktionskosten für Betriebe. Verbraucher hingegen bekommen die Inflation insbesondere an der Tankstelle zu spüren“, analysiert der Referent.
Die Preissteigerungen für Energie würden sich immer stärker auch in Waren und Dienstleistungen „hineinfressen“. Die Europäische Zentralbank (EZB) reagiere entsprechend restriktiv. Für Unternehmen wiederum bedeuteten höhere Zinsen eine sorgfältigere Investitionsplanung sowie höhere Kapitalkosten. Viele Betriebe konzentrierten sich daher weiterhin auf Ersatz- und Rationalisierungsinvestitionen. Neue Investitionen würden aufgeschoben, solange die Unsicherheiten hinsichtlich Energiepreisen, Regulierung und Nachfrageentwicklung fortbestünden. Nur wenige Branchen in Lippe verzeichneten überhaupt ein reales Wachstum, so der Referent.
Für den Wirtschaftsstandort Lippe ergeben sich aber auch Chancen: Die Transformation hin zu einer klimaneutralen Wirtschaft eröffnet neue Märkte und Innovationspotenziale. Die Landesregierung in Nordrhein-Westfalen verfolgt insbesondere Maßnahmen zur Unterstützung industrieller Transformation, des Ausbaus erneuerbarer Energien, der Wasserstoffwirtschaft sowie der Fachkräftesicherung. Im Zuge dessen entstünden erhebliche Investitionserfordernisse: „Für viele Unternehmen stellt daher weniger das Ziel der Klimaneutralität als vielmehr die Geschwindigkeit, Planbarkeit und Finanzierbarkeit der Umsetzung die zentrale Herausforderung dar“, mahnt der Referent an.
„Bürokratie“ nennen Unternehmen regelmäßig als einen der wichtigsten Wettbewerbsnachteile in Deutschland, auch in Lippe. Genehmigungsverfahren, Berichtspflichten, Dokumentationsanforderungen und komplexe Regulierungen führen zu erheblichen administrativen Belastungen: „Allein für die Bewältigung von Information und Dokumentation werden mindestens 1,7 Prozent aller Arbeitsstunden in Deutschland aufgewendet. Dies entspricht der Arbeitskraft von weit über 300.000 Vollzeitkräften, die an anderer Stelle seit Jahren fehlen“, kritisiert der Konjunktur-Experte der IHK.
Die Bundesregierung und Landesregierung in NRW habe mit der Kombination aus schnelleren Fristen und digitalem Baurecht sowie der Befreiung von bürokratischen Berichtspflichten und mehr kommunalen Freiheiten zwar dafür gesorgt, dass Verfahren in der Praxis spürbar gestrafft werden sollen. „Die Wirkung dieser Reformen wird jedoch vielfach erst mittel- bis langfristig sichtbar werden. Aus Sicht der Wirtschaft wird entscheidend sein, ob diese Änderungen auch tatsächlich zu einer Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit, Investitionstätigkeit, Innovationskraft und Standortattraktivität führen“, analysiert Lönneker.
Auch der Fachkräftemangel bleibt trotz konjunktureller Schwäche eine strukturelle Herausforderung. Insbesondere technische Berufe, IT-Fachkräfte, Pflege- und weitere qualifizierte Berufe sind knapp. Der demografische Wandel verschärft diese Entwicklung nachhaltig. Nach einer aktuellen Analyse der IHK Lippe könnten dem lippischen Arbeitsmarkt bis zum Jahr 2035 fast 20.000 Fachkräfte und Erwerbspersonen fehlen.
Im internationalen Vergleich weist die Bundesrepublik zudem eine sehr hohe Unternehmens- und Abgabenbelastung auf. 2026 bis 2028 greifen tiefgreifende steuerliche und regulatorische Änderungen. Diese resultieren primär aus dem „Wachstumsbooster 2026“ (Investitionssofortprogramm) sowie dem im Sommer 2026 verabschiedeten „Programm für Aufschwung und Beschäftigung“ der Koalition. Besonders aber die steigenden Sozialversicherungsbeiträge werden zunehmend als Wachstumshemmnis bewertet. „Mutige und nachhaltige Reformen sind daher notwendiger denn je, um im harten, internationalen Wettbewerb wirtschaftlich bestehen zu können“, so der Referent.
Industrie zwischen Strukturwandel und Wettbewerbsdruck
Die Industrie bleibt das Rückgrat der lippischen Wirtschaft. Mit ihrer starken Präsenz in den Bereichen Maschinenbau, Kunststoffverarbeitung, Elektrotechnik, Möbelindustrie, Metallverarbeitung sowie industriellen Zulieferbranchen prägt sie Beschäftigung, Wertschöpfung und Exportleistung des Kreises Lippe maßgeblich. Gleichzeitig ist die Industrie besonders sensibel gegenüber internationalen Konjunkturentwicklungen, Energiepreisschwankungen und handelspolitischen Veränderungen.
Im Herbst zeigt sich die industrielle Entwicklung im Kreis Lippe dreigeteilt. 30 Prozent der Industrieunternehmen vergeben eine „gute“ Konjunkturnote (+20 Prozent). 38 Prozent der Betriebe bewerten die aktuelle Geschäftslage als „befriedigend“ (-11 Prozent). Und 32 Prozent bezeichnen ihre derzeitige Geschäftslage als „schlecht“ (-9 Prozent).
Einerseits profitieren einzelne Unternehmen von einer Stabilisierung der Weltkonjunktur und einer schrittweisen Verbesserung der Lieferketten. Andererseits belasten hohe Standortkosten, eine schwache Investitionsneigung vieler Kunden sowie zunehmende internationale Wettbewerbsintensität die Geschäftsentwicklung.
Die Industrie befindet sich damit weiterhin in einer Phase tiefgreifender Anpassung, die sowohl konjunkturelle als auch strukturelle Ursachen hat. „DIHK, Deutsche Bundesbank, Europäische Kommission und Sachverständigenrat weisen übereinstimmend darauf hin, dass insbesondere Wettbewerbsfähigkeit, Energiekosten und Investitionsbedingungen die Entwicklung der Industrie bestimmen – genau dort gilt es anzusetzen“, fordert IHK-Referent Lönneker.
Handel zwischen Konsumzurückhaltung und Transformationsdruck
Der Handel zählt zu den bedeutenden Stabilitätsfaktoren der lippischen Wirtschaft. Als Bindeglied zwischen produzierenden Unternehmen, Dienstleistenden und Endverbraucher:innen spiegelt die Branche wirtschaftliche Entwicklungen oftmals früher wider als andere Wirtschaftsbereiche. Die mittelständisch geprägte Handelslandschaft des Kreises Lippe umfasst neben dem stationären Einzelhandel auch den Großhandel, den Kfz-Handel sowie zahlreiche spezialisierte Fachgeschäfte und Handelsunternehmen.
Im Herbst 2026 bewegt sich die Branche in einem anspruchsvollen Marktumfeld. Zwar haben sich die Inflationsraten gegenüber den Krisenjahren deutlich reduziert, dennoch wirkt die Kombination aus gestiegenen Lebenshaltungskosten, wirtschaftlicher Unsicherheit und verhaltener Konsumneigung weiterhin belastend auf die Nachfrage. Gleichzeitig erhöhen Digitalisierung, veränderte Kundenanforderungen und der zunehmende Wettbewerb im Online-Handel den Anpassungsdruck auf die Unternehmen. Während die realen Einkommen vieler Haushalte wieder leicht steigen, bleibt die Konsumbereitschaft hinter den Möglichkeiten zurück. Verbraucher:innen vergleichen Preise intensiver und treffen Kaufentscheidungen bewusster als in wirtschaftlich stabileren Zeiten. Nur 18 Prozent der Händler:innen vergeben eine „gute“ Konjunkturnote (unverändert). 45 Prozent der Betriebe bewerten die aktuelle Geschäftslage als „befriedigend“ (+16 Prozent). 38 Prozent bezeichnen ihre derzeitige Geschäftslage als „schlecht“ (-15 Prozent).
Dienstleistungswirtschaft als Stabilitätsanker der regionalen Konjunktur
Die Dienstleistungsbranche nimmt innerhalb der lippischen Wirtschaft eine zunehmend bedeutende Rolle ein. Neben klassischen Unternehmensdienstleistungen, Informations- und Kommunikationsdiensten, Finanz- und Versicherungsdienstleistungen, Logistikunternehmen sowie wirtschaftsnahen Beratungsleistungen gehören auch zahlreiche personenbezogene Dienstleistungen zu diesem breit gefächerten Wirtschaftsbereich. Die Branche profitiert grundsätzlich von ihrer hohen Anpassungsfähigkeit und ihrer vergleichsweise geringeren Abhängigkeit von internationalen Lieferketten. Insbesondere IT-Dienstleister, Ingenieur- und Planungsbüros, Logistikunternehmen sowie Beratungs- und Qualifizierungsanbieter profitieren von den umfangreichen Veränderungen innerhalb der Wirtschaft.
Die Dienstleistungswirtschaft in Lippe zeigt sich im Herbst 2026 angeschlagen. Viele Unternehmen konnten Umsätze und Beschäftigung trotz des schwierigen wirtschaftlichen Umfelds offenbar nicht stabil halten. Zusätzlich wirkten sich die ausgedehnte konjunkturelle Schwäche der Industrie, die zurückhaltende Investitionsbereitschaft vieler Unternehmen sowie steigende Kosten zunehmend auch auf den Sektor aus. Gleichzeitig eröffnen Digitalisierung, Künstliche Intelligenz, Automatisierung und neue Geschäftsmodelle erhebliche Wachstumschancen. Nur noch 18 Prozent der Unternehmen im Dienstleistungsbereich vergeben eine „gute“ Konjunkturnote (-11 Prozent). 47 Prozent der Betriebe bewerten die aktuelle Situation als „befriedigend“ (-8 Prozent). 35 Prozent geben eine „schlechte“ Lage an (+19 Prozent).
Gastgewerbe zwischen Kostendruck und Tourismuspotenzialen
Das Gastgewerbe nimmt in Lippe eine gleichermaßen wichtige wirtschaftliche als auch gesellschaftliche Funktion ein. Hotels, Pensionen, Gastronomiebetriebe, Cafés, Veranstaltungsbetriebe sowie touristische Dienstleister tragen wesentlich zur Attraktivität des Wirtschafts- und Lebensstandorts bei. Gleichzeitig profitiert die Branche von den touristischen Stärken der Region, wie z.B. dem Teutoburger Wald, dem Hermannsdenkmal, den Kur- und Gesundheitsstandorten sowie einem breiten Kultur- und Freizeitangebot.
Die wirtschaftliche Entwicklung des Gastgewerbes verläuft jedoch weiterhin unter anspruchsvollen Rahmenbedingungen. Zwar hat sich die Nachfrage nach Reisen, Freizeitangeboten und Gastronomieleistungen gegenüber den Krisenjahren deutlich stabilisiert, dennoch belasten hohe Kosten, Personalmangel und veränderte Konsumgewohnheiten die wirtschaftliche Situation vieler Betriebe.
Insbesondere kleinere und familiengeführte Unternehmen stehen vor der Herausforderung, gleichzeitig steigende Personal-, Energie- und Lebensmittelkosten zu bewältigen und dennoch wettbewerbsfähige Angebote für ihre Gäste bereitzustellen. Hinzu kommt auch hier die Notwendigkeit, digitale Lösungen einzuführen und Geschäftsmodelle an veränderte Kundenbedürfnisse anzupassen. 40 Prozent der Betriebe bewerten die aktuelle Geschäftslage als „befriedigend“ (-10 Prozent). 36 Prozent vergeben gar eine „schlechte“ Konjunkturnote (-3 Prozent).
Trotz dieser Herausforderungen verfügt die Branche im Kreis Lippe über attraktive Entwicklungsperspektiven. Der Trend zu Naturtourismus, Kurzurlauben, regionalen Angeboten und nachhaltigen Reiseformen eröffnet dem Gastgewerbe neue Marktchancen. 24 Prozent der Betriebe im Gastgewerbe bezeichnen ihre derzeitige Geschäftslage als „gut“ (+11 Prozent).
Branchenübergreifend steigt das Geschäftsklima in Lippe aufgrund der positiven Erwartungshaltung der Unternehmen von 83 auf 96 Indexpunkte. Die zweite Komponente des Geschäftsklimas, die Bewertung der Geschäftslage, fällt hingegen erneut schlechter aus. Insgesamt bleibt die wirtschaftliche Situation in Lippe weiterhin stark angespannt.
Pressemeldung: IHK















